Full Range Leadership Modell: Stile, 4 I’s und Anwendung

Full Range Leadership Modell: Stile, 4 I’s und Anwendung

Lesedauer: ca. 14 Minuten · Aktualisiert: Oktober 2026

Ein Team kennt sein Ziel, kommt aber nicht voran. Es fehlen Entscheidungen, eine Kollegin braucht Unterstützung und zwei Beteiligte verstehen den Zweck der Aufgabe unterschiedlich. „Mehr führen“ ist dafür ein zu ungenauer Rat. Welche Handlung fehlt tatsächlich?

Das Full Range Leadership Modell hilft, Führungsverhalten genauer zu unterscheiden: Vereinbaren Sie Leistung und Gegenleistung? Geben Sie Orientierung und fördern Entwicklung? Oder bleibt eine nötige Führungsentscheidung aus? Daraus entsteht ein genauerer Blick auf den Alltag.

Das Modell auf einen Blick

  • Der Ansatz von Bernard M. Bass und Bruce J. Avolio verbindet transformationale, transaktionale und passiv-vermeidende Führung.
  • Die vier I beschreiben den transformationalen Teil. Im MLQ wird die Vorbildwirkung in zwei Skalen aufgeteilt; insgesamt ergeben sich neun Führungsskalen.
  • Klare Vereinbarungen und transformationale Orientierung können sich ergänzen. Das Modell liefert keine automatische Handlungsanweisung für jede Situation.
  • Die Beispiele und Reflexionsfragen dieses Beitrags sind eigene Anwendungshilfen, kein psychometrischer Test.

Was ist das Full Range Leadership Modell?

Das Full Range Leadership Modell, kurz FRLM, beschreibt ein Spektrum von Führungsverhaltensweisen. Es reicht von ausbleibender oder erst spät einsetzender Führung über leistungsbezogene Vereinbarungen bis zu Vorbildwirkung, gemeinsamer Orientierung und individueller Entwicklung.

Der Ansatz ist mit Bernard M. Bass und Bruce J. Avolio verbunden. Er entstand aus der Weiterentwicklung der Forschung zu transaktionaler und transformationaler Führung. James MacGregor Burns lieferte mit seiner Beschreibung von „transforming leadership“ wichtige Vorarbeiten; er ist damit nicht der gemeinsame Urheber der späteren FRLM- und MLQ-Struktur.

Die Entwicklung verlief über mehrere Fassungen und empirische Prüfungen. Eine Originalarbeit von Avolio, Bass und Jung aus dem Jahr 1999 zeigt, dass die Abgrenzung und Bündelung der Faktoren selbst Gegenstand der Forschung war. Eine einzige Grafik kann diese Entwicklung nur vereinfacht darstellen.

Als Metapher lässt sich die Grundidee so ausdrücken: Führung ist kein Schalter mit „an“ oder „aus“, sondern ein Mischpult. Sie können Erwartungen klären, ein Ziel erklären und eine Person individuell unterstützen. Diese Handlungen schließen sich nicht aus. Die Metapher bedeutet allerdings nicht, dass jeder Regler in beliebiger Mischung gleich hilfreich ist. Ausbleibende Führung wird durch ein wenig Inspiration nicht automatisch ausgeglichen.

Wenn Sie einen breiteren Überblick über unterschiedliche Führungsansätze suchen, finden Sie ihn in unseren sieben praktischen Führungsprofilen. Dieser Beitrag vertieft das FRLM und seine Begriffe.

Drei Gruppen, vier I und neun Führungsskalen

Bei der Zählung lohnt sich Genauigkeit. Vier transformationale I plus Contingent Reward, aktives und passives Management-by-Exception sowie Laissez-faire ergeben acht zusammengefasste Dimensionen. Der aktuelle Standard-MLQ unterscheidet innerhalb von Idealized Influence zusätzlich zugeschriebene Eigenschaften und beobachtetes Verhalten. So entstehen neun Führungsskalen.

Die offizielle MLQ-Übersicht von Mind Garden ordnet diese in fünf transformationale, zwei transaktionale und zwei passiv-vermeidende Skalen. Die zusätzlichen Ergebnismaße des Fragebogens sind keine weiteren Führungsstile. Für die Übersicht unten verwenden wir diese Zuordnung. Die deutschen Erläuterungen und Beispiele sind eigene vereinfachte Formulierungen.

GruppeDimension oder SkalaWorum es gehtEigenes Alltagsbeispiel
TransformationalIdealized Influence: zugeschriebene EigenschaftenAls vertrauenswürdiges Vorbild wahrgenommen werden.Das Team erlebt die Leitung auch unter Druck als verlässlich.
TransformationalIdealized Influence: VerhaltenWerte im eigenen Handeln sichtbar machen.Die Leitung hält selbst die zugesagte Qualitätsprüfung ein.
TransformationalInspirational MotivationEin gemeinsames Ziel verständlich und ansprechend vermitteln.Die Leitung erklärt, was eine bessere Übergabe für Kunden verändert.
TransformationalIntellectual StimulationAnnahmen und gewohnte Lösungswege hinterfragen.Das Team darf den bisherigen Freigabeprozess kritisch prüfen.
TransformationalIndividualized ConsiderationIndividuelle Bedürfnisse und Entwicklung berücksichtigen.Eine Kollegin übt eine neue Aufgabe mit passender Begleitung.
TransaktionalContingent RewardErwartete Leistung und Gegenleistung vereinbaren.Ein erreichter, vorher vereinbarter Meilenstein wird entsprechend anerkannt.
TransaktionalManagement-by-Exception: aktivAbweichungen beobachten und korrigierend eingreifen.Ein vereinbarter Qualitätscheck deckt einen Fehler früh auf.
Passiv-vermeidendManagement-by-Exception: passivErst nach aufgetretenen Problemen reagieren.Eine wiederkehrende Störung wird erst nach einer Eskalation bearbeitet.
Passiv-vermeidendLaissez-faireNötige Führung und Entscheidungen vermeiden.Ein offener Prioritätskonflikt bleibt trotz Rückfragen ungeklärt.

Die Begriffe beschreiben unterscheidbare Aspekte. Im Arbeitsalltag kann eine Handlung mehrere davon berühren. Wenn Sie eine Lernaufgabe vereinbaren, kann diese zugleich eine klare Leistungserwartung, individuelle Förderung und einen verständlichen Zweck enthalten.

Full Range Leadership Modell (FRLM) als Spektrum: von Laissez-faire über transaktionale Führung bis zu transformationaler Führung mit den vier I’s

Zur Lesart der Grafik: Diese vereinfachte Spektrumsdarstellung bündelt passives Management-by-Exception mit transaktionaler Führung. In der oben verwendeten aktuellen MLQ-Skalenstruktur gehört es zur passiv-vermeidenden Gruppe. Idealized Influence umfasst die beiden Teilskalen A und B. Die Anordnung ist keine Messskala für einen garantierten Leistungseffekt.

Verhalten, Wahrnehmung und Ergebnis auseinanderhalten

Ein hilfreicher Unterschied steckt bereits in den beiden Teilskalen der Vorbildwirkung: Was Sie tun und wie andere Sie wahrnehmen, ist nicht dasselbe. Sie können eine Entscheidung für fair halten, während das Team ihre Gründe nicht kennt. Umgekehrt kann eine beliebte Führungskraft trotz guter Absichten wichtige Aufgaben liegen lassen.

Beobachten Sie deshalb zunächst die Handlung. Fragen Sie anschließend nach der Wahrnehmung und prüfen Sie das Arbeitsergebnis. Diese drei Perspektiven ergeben zusammen ein besseres Bild als die Selbstaussage „Ich führe transformational“.

Die vier I der transformationalen Führung

Die englischen Begriffe bleiben in Fachtexten häufig unübersetzt. Für die Anwendung helfen verständliche deutsche Beschreibungen. Die folgenden Karten zeigen jeweils eine mögliche Handlung, die Sie im Alltag beobachten können.

Idealized Influence

Vorbildwirkung: Vertretene Grundsätze im eigenen Verhalten erkennbar machen.

Beispiel: Sie sprechen eine eigene Fehlentscheidung offen an und übernehmen die vereinbarte Korrektur.

Inspirational Motivation

Gemeinsame Orientierung: Den Zweck eines Ziels greifbar machen.

Beispiel: Sie erklären, welches Kundenproblem ein Projekt lösen soll und woran Fortschritt erkennbar wird.

Intellectual Stimulation

Eigenständiges Denken: Andere Perspektiven und neue Lösungswege ermöglichen.

Beispiel: Sie lassen eine bisher selbstverständliche Annahme anhand konkreter Fälle prüfen.

Individualized Consideration

Individuelle Förderung: Unterstützung auf Person und Lernaufgabe abstimmen.

Beispiel: Sie vereinbaren eine neue Verantwortung mit passender Übung und Rückmeldung.

1. Vorbildwirkung: Stimmen Worte und Handlungen überein?

Sie fordern Verlässlichkeit ein, ändern aber selbst ständig kurzfristig Termine. Das Team wird sich eher an dieser Erfahrung orientieren als am formulierten Wert. Vorbildwirkung beginnt deshalb bei den Vereinbarungen, die Sie selbst betreffen.

Ein konkreter Ansatz: Nehmen Sie eine Regel, die Ihnen wichtig ist, und prüfen Sie Ihr eigenes Verhalten dazu. Wenn Entscheidungen dokumentiert werden sollen, halten auch Sie Ihre Entscheidung fest. Wenn Sie einen Fehler bemerken, nennen Sie ihn und kümmern sich um die Korrektur.

Sie müssen dafür keine makellose Persönlichkeit inszenieren. Glaubwürdigkeit kann gerade dann entstehen, wenn Sie eine Grenze oder einen Irrtum nachvollziehbar behandeln. Achten Sie außerdem darauf, ob andere Ihre Begründung verstehen. Eine gute Absicht bleibt für das Team unsichtbar, solange sich daraus kein erkennbares Verhalten ergibt.

2. Gemeinsame Orientierung: Wofür lohnt sich die Aufgabe?

Ein Ziel wie „Wir verbessern die Servicequalität“ lässt viel offen. Greifbarer wird es, wenn Sie den Nutzen beschreiben: Kunden sollen nach einem Gespräch wissen, wie ihr Anliegen weiterbearbeitet wird. Nun können Teammitglieder ihre eigene Arbeit damit verbinden.

Fragen Sie, ob das Ziel aus Sicht der Beteiligten plausibel und erreichbar ist. Vielleicht fehlt eine Information oder der aktuelle Ablauf verhindert den gewünschten Beitrag. Gemeinsame Orientierung entsteht auch dadurch, dass solche Einwände ernst genommen werden.

Eine inspirierende Ansprache ersetzt keine Priorität. Wenn Sie mehr Service versprechen, müssen Sie klären, welche Zeit und welche Entscheidungen dafür zur Verfügung stehen. Sonst wird aus einem attraktiven Ziel zusätzlicher Druck. Halten Sie den Zusammenhang zwischen Zweck, Aufgabe und Rahmen im Gespräch sichtbar.

3. Eigenständiges Denken: Welche Annahme verdient eine Prüfung?

„Bringen Sie neue Ideen“ ist schnell gesagt. Interessanter wird es, wenn jemand Ihre eigene Lösung infrage stellt. Wie reagieren Sie dann? Fragen Sie nach dem Gedanken dahinter oder erklären Sie sofort, weshalb es bisher anders gemacht wurde?

Wählen Sie einen begrenzten Ablauf und laden Sie zu Alternativen ein. Beispielsweise: „Wir gehen davon aus, dass jede Anfrage dieselbe Freigabe braucht. Welche Fälle sprechen dafür, welche dagegen?“ Das Team kann nun mit konkreten Situationen arbeiten.

Vereinbaren Sie einen kleinen Versuch, der Risiken und Qualitätsanforderungen berücksichtigt. Nicht jede Idee muss umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass sie nachvollziehbar geprüft wird und eine begründete Antwort erhält. So wird das Hinterfragen zu einer Arbeitsweise, die auch außerhalb eines Ideenworkshops Platz hat.

4. Individuelle Förderung: Was braucht diese Person jetzt?

Eine erfahrene Spezialistin und ein neuer Kollege können dieselbe Aufgabe übernehmen, brauchen aber unterschiedliche Unterstützung. Fragen Sie nach Vorerfahrung, Lernziel und Unsicherheit, bevor Sie den Begleitungsaufwand festlegen.

Eine mögliche Vereinbarung: Die Spezialistin bereitet erstmals eine bereichsübergreifende Entscheidung vor. Sie übernimmt die Abstimmung selbst. Vor dem entscheidenden Termin besprechen Sie Argumente und offene Interessen. Danach reflektieren Sie gemeinsam, was geholfen hat.

Förderung bedeutet damit mehr als ein Trainingsangebot. Sie verbindet eine reale Aufgabe mit nutzbarer Rückmeldung und ausreichend Zeit. Achten Sie darauf, dass Entwicklungsmöglichkeiten nicht nur an die besonders sichtbaren Teammitglieder gehen. Wie Verantwortung und Unterstützung zusammenpassen, vertieft unser Beitrag über Empowerment und seine Grenzen.

Transaktionale Klarheit und Führungsausfall unterscheiden

Transaktionale Führung wird oft auf Boni oder starre Kontrolle verkürzt. Ihr Ausgangspunkt ist eine verständliche Vereinbarung: Welche Leistung wird erwartet, und welche Gegenleistung oder Anerkennung ist damit verbunden? Solche Klarheit kann Zusammenarbeit erst möglich machen.

Eine Vereinbarung wird problematisch, wenn sie widersprüchlich, unerreichbar oder einseitig geändert wird. Wer nur eine leicht messbare Menge belohnt, kann andere wichtige Aspekte aus dem Blick verlieren. Prüfen Sie deshalb Qualität und Nebenwirkungen ebenso wie die Zielerreichung.

Eine Vereinbarung so formulieren, dass sie nutzbar ist

Ein eigenes Beispiel: „Bis Donnerstag bereiten Sie zwei Lösungswege mit Aufwand, Risiken und einer Empfehlung vor. Wir entscheiden am Freitag gemeinsam über die Umsetzung. Wenn die fachliche Prüfung abgeschlossen ist, übernehmen Sie die Präsentation im nächsten Bereichstermin.“ Hier sind Ergebnis, Zeitpunkt und eine konkrete Entwicklungsmöglichkeit benannt.

Prüfen Sie vorher, ob Sie die zugesagte Gegenleistung überhaupt einhalten können. Eine Aussicht auf Verantwortung, die später ohne Erklärung zurückgenommen wird, beschädigt die Vereinbarung. Halten Sie auch fest, wie mit veränderten Bedingungen umgegangen wird. Wenn eine notwendige Information nicht rechtzeitig kommt, braucht es eine Anpassung des Plans.

Besprechen Sie neben dem Ziel, was bei seiner Verfolgung wichtig bleibt. Eine schnelle Bearbeitung darf beispielsweise nicht auf Kosten einer erforderlichen Prüfung gehen. So verhindern Sie, dass das messbare Ziel die eigentliche Aufgabe verdrängt.

Aktiv auf Abweichungen achten

Aktives Management-by-Exception richtet Aufmerksamkeit auf Fehler und Abweichungen. Das kann bei wiederkehrenden Abläufen und wichtigen Qualitätsanforderungen eine sinnvolle Aufgabe sein. Legen Sie fest, was geprüft wird, wann ein Eingriff nötig ist und wer die Korrektur übernimmt.

Ein Beispiel: Vor der Übergabe eines Kundenauftrags wird kontrolliert, ob die vereinbarten Angaben vollständig sind. Fehlt etwas, geht der Auftrag zur Klärung zurück. Das ist etwas anderes, als jede Formulierung nach persönlichem Geschmack umzuschreiben.

Bleibt Führung jedoch ausschließlich bei der Fehlersuche, erfährt das Team wenig darüber, was gut funktioniert oder wie es sich entwickeln kann. Ergänzen Sie den Qualitätscheck durch Anerkennung, Orientierung und passende Lerngelegenheiten.

Passives Eingreifen und Laissez-faire

Passives Management-by-Exception zeigt sich, wenn Sie erst reagieren, nachdem sich ein Problem zugespitzt hat. Laissez-faire geht weiter: Nötige Entscheidungen oder Führungsaufgaben bleiben aus. Beide Formen können für Mitarbeiter unklar machen, wann sie mit Unterstützung rechnen dürfen.

Bewusst gewährte Autonomie ist etwas anderes. Eine Führungskraft kann einen Entscheidungsrahmen vereinbaren, Unterstützung anbieten und dann auf laufende Eingriffe verzichten. Sie hat Verantwortung geklärt. Wer dagegen einen offenen Konflikt mit „Das lösen Sie schon“ abgibt, obwohl nur die Führungskraft die Priorität entscheiden kann, lässt eine Lücke.

Prüfen Sie daher vor dem Nicht-Eingreifen: Hat die Person das Mandat, die nötigen Informationen und einen erreichbaren Unterstützungsweg? Wenn ja, kann Zurückhaltung sinnvoll sein. Wenn nein, ist zuerst eine Führungsaufgabe zu erledigen.

Ein Fall, drei Führungsreaktionen

Ein Projektteam soll in sechs Wochen einen neuen Übergabeprozess einführen. Die Fachbereiche verfolgen unterschiedliche Prioritäten. Zwei erfahrene Mitarbeiter haben konkrete Ideen, eine neue Kollegin kennt den Ablauf noch nicht. Der folgende Fall ist ein eigenes Beispiel zur Anwendung des Modells.

Führung bleibt aus

„Sie sind die Fachleute. Machen Sie das untereinander aus.“

Der Prioritätskonflikt bleibt offen. Die neue Kollegin weiß nicht, wen sie fragen kann. Eigenständigkeit wurde angekündigt, ihre Voraussetzungen wurden jedoch nicht geklärt.

Vereinbarungen stehen im Vordergrund

„Bis Freitag liegen Ablauf, Verantwortliche und offene Risiken vor. Wir prüfen die vereinbarten Kriterien gemeinsam.“

Das schafft Verbindlichkeit. Offen bleibt, wie die Beteiligten den Nutzen verstehen und welche Unterstützung sie brauchen.

Orientierung und Entwicklung kommen hinzu

„Kunden sollen ihre Angaben nicht mehrfach erklären müssen. Welche Übergabe hilft dabei? Sie entwickeln die Lösung; wir klären heute Entscheidungsspielraum und Unterstützung.“

Der Zweck wird greifbar. Das Team kann Wissen einbringen, und die neue Kollegin erhält eine passende Lernaufgabe.

Die dritte Reaktion enthält weiterhin klare Vereinbarungen. Darin liegt der praktische Punkt: Transaktionale Klarheit und transformationale Orientierung können gemeinsam auftreten. Ein verständlicher Zweck macht den Termin nicht überflüssig. Ein Termin erklärt umgekehrt noch nicht, wie die neue Kollegin sicher mitarbeiten kann.

Welche Kombination hilft Ihrem Team bei dieser Aufgabe?

Beginnen Sie mit der offenen Entscheidung zwischen den Fachbereichen. Wer darf den Konflikt lösen? Welche Informationen fehlen dafür? Treffen oder veranlassen Sie diese Entscheidung, bevor Sie dem Team Verantwortung zuschreiben, die es gar nicht übernehmen kann.

Danach vereinbaren Sie Ergebnis und Qualitätskriterien. Die erfahrenen Mitarbeiter prüfen den Ablauf an konkreten Fällen. Die neue Kollegin übernimmt einen begrenzten Teil und erhält eine Ansprechpartnerin. Sie selbst erklären den Nutzen, schaffen Zugang zu den relevanten Informationen und halten einen frühen Rücksprachetermin ein.

Nach dem ersten Test fragen Sie: Welche Übergabe hat funktioniert? Wo entstand Nacharbeit? Was braucht die Kollegin beim nächsten Durchlauf? So verbinden Sie das Modell mit beobachtbarem Führungsverhalten, statt lediglich eine Stilbezeichnung auszuwählen.

In einem hybriden Team gelten dieselben Fragen. Ergänzen Sie einen gemeinsamen Ort für Entscheidungen und Unterlagen. Beurteilen Sie Ergebnisse und Zusammenarbeit anhand der vereinbarten Kriterien; die sichtbare Onlinezeit beantwortet diese Fragen nicht.

Den Fall nach zwei Wochen erneut betrachten

Angenommen, die Übergaben werden inzwischen vollständig dokumentiert, dauern aber länger als erwartet. Ein vorschnelles Urteil wäre: „Das Team braucht mehr Motivation.“ Prüfen Sie zunächst den Ablauf. Vielleicht wird dieselbe Information doppelt erfasst, oder ein ungeklärter Sonderfall blockiert jede Übergabe.

Sie können nun mehrere Handlungen verbinden: die verbindlichen Qualitätskriterien bestätigen, das Team nach einem einfacheren Weg fragen und der neuen Kollegin die noch fehlende Einarbeitung geben. Wenn ein Ziel unter den gegebenen Bedingungen unrealistisch war, korrigieren Sie auch Ihre eigene Annahme.

Für den nächsten Durchlauf halten Sie fest, welche Änderung ausprobiert wird und woran Sie ihren Nutzen erkennen. Fragen Sie die Beteiligten anschließend getrennt nach Klarheit, Handlungsspielraum und Unterstützung. So lässt sich ein konkreter Ablauf verbessern, ohne die ganze Situation mit einer einzigen Stilbezeichnung erklären zu wollen.

Was das Modell leisten kann – und wo seine Grenzen liegen

Das FRLM bietet Begriffe, mit denen Sie Führung genauer beschreiben können. Es erklärt nicht sämtliche Bedingungen guter Arbeit. Unklare Geschäftsziele, fehlende Ressourcen oder widersprüchliche Anreizsysteme verschwinden nicht durch eine andere Gesprächsweise.

Auch die Messung ist anspruchsvoller als eine anschauliche Übersicht vermuten lässt. Avolio, Bass und Jung verglichen 1999 verschiedene Faktorstrukturen anhand von 3.786 Beurteilungen aus 14 Stichproben. In dieser Untersuchung passte eine Bündelung in sechs untergeordnete und drei übergeordnete Faktoren besonders gut. Das verdeutlicht: Die praktische Einteilung in Skalen und ihre empirische Trennbarkeit sind unterschiedliche Fragen.

Für Ihre Anwendung heißt das, keine übergenauen Aussagen aus einer groben Selbsteinschätzung abzuleiten. „Ich habe zweimal nach einer Idee gefragt“ ist eine Beobachtung. „Meine transformationale Führung beträgt 82 Prozent“ wäre ohne ein geeignetes Verfahren eine erfundene Genauigkeit.

Verwechseln Sie das Modell außerdem nicht mit Situational Leadership. Sie können FRLM-Verhaltensweisen selbstverständlich mit Blick auf Aufgabe und Kontext reflektieren. Daraus wird aber kein festes Rezept, das aus einem bestimmten Reifegrad automatisch einen Stil ableitet.

Transformationale Führung ist auch kein Freibrief für große Versprechen oder persönliche Gefolgschaft. Prüfen Sie Ziele, Belastung, Interessen und Entscheidungswege. Ein überzeugendes Zukunftsbild muss sich ebenso an fairen Bedingungen und sachlichen Anforderungen messen lassen wie eine nüchterne Zielvereinbarung.

Schließlich folgt aus dem Modell keine garantierte Senkung der Fluktuation oder Steigerung der Leistung. Dafür müssten Sie Wirkung und Rahmenbedingungen tatsächlich untersuchen. Verwenden Sie das Modell als begründeten Ausgangspunkt für eine Veränderung, deren Nutzen Sie anschließend prüfen.

Wie Sie das Modell reflektieren, ohne sich zu testen

Wählen Sie eine aktuelle Aufgabe und beschreiben Sie zunächst, was passiert ist. Die folgenden Fragen sind unsere eigenen Reflexionsfragen. Sie enthalten keine MLQ-Testitems und ergeben keinen psychometrischen Score.

Reflexionsbogen für eine konkrete Situation

  1. Welche Entscheidung oder Unterstützung wurde von mir gebraucht?
  2. Welche Vereinbarung zu Ergebnis, Rahmen und Rückmeldung habe ich getroffen?
  3. Wie habe ich den Zweck der Aufgabe verständlich gemacht?
  4. Welche andere Sichtweise konnte das Team einbringen?
  5. Welche Person brauchte eine besondere Lerngelegenheit oder Unterstützung?
  6. Was habe ich tatsächlich getan, und wie wurde es von den Beteiligten erlebt?
  7. Welchen einen Schritt ändere ich beim nächsten Mal?

Holen Sie eine konkrete Rückmeldung ein: „An welcher Stelle war mein Auftrag verständlich? Wo mussten Sie nachfragen?“ Das liefert mehr Ansatzpunkte als die allgemeine Frage, ob Ihr Führungsstil gut ankommt. Für eine formale Erhebung verwenden Sie ein geeignetes Verfahren mit den dafür vorgesehenen Nutzungs- und Auswertungsbedingungen.

Wenn Sie daraus Führungskompetenzen entwickeln möchten, verbinden Sie den ausgewählten Schritt mit einer realen Aufgabe und einem Reviewtermin. Eine bessere Frage, eine geklärte Entscheidung oder eine verlässlichere Rückmeldung ist ein brauchbarer Anfang.

Häufige Fragen zum Full Range Leadership Modell

Was sind die vier I?

Idealized Influence, Inspirational Motivation, Intellectual Stimulation und Individualized Consideration: Vorbildwirkung, gemeinsame Orientierung, eigenständiges Denken und individuelle Förderung. Sie beschreiben den transformationalen Teil des Modells.

Warum ist von acht Dimensionen und neun Skalen die Rede?

Die vier I und vier weitere Verhaltensdimensionen ergeben acht zusammengefasste Bereiche. Der MLQ teilt Idealized Influence zusätzlich in zugeschriebene Eigenschaften und Verhalten auf. Dadurch ergeben sich neun Führungsskalen.

Ist transformationale Führung immer besser als transaktionale?

Transformationale Orientierung ersetzt keine klare Vereinbarung. Beide können sich ergänzen. Prüfen Sie, welche Handlung bei einer konkreten Aufgabe fehlt und ob die Arbeitsbedingungen zum gewünschten Ergebnis passen.

Ist Laissez-faire dasselbe wie Empowerment?

Nein. Empowerment braucht geklärte Verantwortung, Fähigkeiten, Informationen und Unterstützung. Laissez-faire bezeichnet hier das Vermeiden nötiger Führung. Wenige Eingriffe allein zeigen noch nicht, welche der beiden Situationen vorliegt.

Der Nutzen des Modells liegt im genaueren Hinsehen. Klären Sie die nächste Aufgabe, geben Sie ihr einen verständlichen Zweck und unterstützen Sie die Menschen, die sie umsetzen. Anschließend prüfen Sie gemeinsam, was Ihre Handlungen verändert haben.

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